Die Alexandersäule: 650 Tonnen Granit in unter zwei Stunden?
Die Alexandersäule: 650 Tonnen Granit, 1832 in unter zwei Stunden aufgerichtet? Dazu ein Bild, das die ganze Stadt im Meer zeigt. Wir zweifeln.

Sankt Petersburg, 30. August 1832, zwei Uhr am Nachmittag. Auf dem Schlossplatz vor dem Winterpalast steht ein Gerüst aus Holz, höher als ein Kirchturm. Darin hängt ein einziger Stein, ein Säulenschaft aus rotem Granit, schwerer als eine voll besetzte Boeing 747. An Dutzenden Winden rund um den Platz warten Soldaten und Matrosen auf das Kommando.
Knapp zwei Stunden später, so heißt es, steht die Säule senkrecht. Bis heute hält sie sich angeblich allein durch ihr eigenes Gewicht auf dem Sockel, ohne jede Verankerung.
Nach dem Donnerstein unter dem Ehernen Reiter ist die Alexandersäule der zweite Granitriese dieser Stadt, dessen offizielle Geschichte uns umtreibt, und wir sagen es auch hier ganz offen: Wir glauben sie nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- 650 bis 756 Tonnen an einem Stück.So viel wog der Schaft nach Angaben des Architekten, gebrochen in einem finnischen Steinbruch.
- Aufgerichtet in unter zwei Stunden.Mit Holzgerüst, Winden und rund 2.000 Menschen. Uns erscheint das unvorstellbar.
- Ein Bild, das nicht passt.Im Tafelwerk des Architekten steht die Stadt im Meer, und nur Reiter und Säule ragen aus den Fluten.
- Ein Kinderbuch mit fertiger Säule.In einem Weimarer Bilderbuch mit der Jahreszahl 1830 steht die Säule bereits da.
So will es die offizielle Darstellung
Der Architekt Auguste de Montferrand, der auch die Isaakskathedrale gebaut haben soll, entwarf die Säule zum Gedenken an Kaiser Alexander den Ersten und den Sieg über Napoleon. Den Stein ließ er angeblich im finnischen Steinbruch Pyterlahti brechen, zwischen Wyborg und Hamina. Seine eigenen Angaben aus dem Tafelwerk von 1836:
| Was | Angabe bei Montferrand | heute gesagt |
|---|---|---|
| Schaft, fertig behauen | 39.691 Pud | etwa 650 Tonnen |
| Schaft beim Heben, mit Bossen und Zügen | 1.847.000 russische Pfund | etwa 756 Tonnen |
| Transportschiff | Tragkraft 65.000 Pud | etwa 1.060 Tonnen |
| Mannschaft beim Aufrichten | 1.440 Soldaten, 300 Matrosen, Unteroffiziere, Trommler | dazu gut 200 Handwerker |
| Beginn der Aufrichtung | 30. August 1832, 14 Uhr (alter Kalender) | Dauer knapp zwei Stunden |
| Einweihung | 30. August 1834 (alter Kalender) | nach unserem Kalender der 11. September |
Dazu kommt die Geschichte vom Beinahe-Unglück: Am 19. Juni 1832 sollen beim Verladen im Steinbruch die 28 Balken der Rampe gleichzeitig gebrochen sein. Die Säule sackte zwischen die Trümmer, das Schiff neigte sich zur Mole. 600 Soldaten aus der Garnison von Hamina seien in weniger als vier Stunden herbeigeeilt, und nach 48 Stunden habe der Schaft wieder sicher an Bord gelegen.
Achtundvierzig Stunden, um einen Stein von 650 Tonnen aus den Trümmern einer Rampe zurück auf ein schwankendes Schiff zu bringen, mit Seilen, Hebeln und Menschenkraft? Wir lesen diesen Satz immer wieder und kommen jedes Mal zum selben Ergebnis: Das erscheint uns unmöglich.
Die Alexandersäule im Steckbrief
- Wo
- Schlossplatz vor dem Winterpalast, Sankt Petersburg · der Stein angeblich aus dem Steinbruch Pyterlahti zwischen Wyborg und Hamina
- Wann
- Aufgerichtet am 30. August 1832 · eingeweiht am 30. August 1834, beides nach altem Kalender
- Wer
- Architekt Auguste de Montferrand · zum Gedenken an Kaiser Alexander den Ersten · beim Aufrichten 1.440 Soldaten, 300 Matrosen, Unteroffiziere und Trommler, dazu gut 200 Handwerker
- Überliefert
- Durch Montferrands eigenes Tafelwerk, Paris 1836
- Einordnung
- So erzählt es die offizielle Darstellung. Wir glauben sie nicht.




Zwei Stunden für einen Berg
Rechnen wir einmal ganz grob mit, als Gedankenspiel mit den offiziellen Zahlen. Rund 2.000 Menschen sollen einen Stein von 650 bis 756 Tonnen gehoben haben. Auf jeden Einzelnen kämen damit rechnerisch mehr als 300 Kilogramm, und das über Seile, Rollen und Winden, alle im selben Takt, jedes Seil hält, und der Stein hängt dabei ruhig wie ein Lot.
Am Ende soll die Säule so genau auf ihrem Sockel stehen, dass sie seit fast zweihundert Jahren keinen Millimeter kippt. Wie misst man so etwas mit den Mitteln von 1832, während ein Koloss dieser Größe noch im Gerüst hängt?
Ein Stein, schwerer als ein Jumbojet, senkrecht gestellt in einem Nachmittag. Wir glauben es nicht.
Das Bild, das alles in Frage stellt
Im selben Tafelwerk, auf Seite 40, steht eine kleine ovale Vignette, für uns das spannendste Bild der ganzen Geschichte. Sie zeigt ein aufgewühltes Meer. Aus den Wellen ragt der Eherne Reiter auf seinem Felsen, daneben die Säule, einsam, und rechts die Ruine eines Tempels. Signiert ist das Blatt mit Montferrands eigenem Namen.

Darunter steht ein kurzer Text. Wir geben ihn hier vollständig wieder, denn jeder soll selbst lesen, was der Architekt da über seine eigene Säule geschrieben hat:
Après de nombreuses années, quand des nations nouvelles se seront succédée, quel sera l’étonnement du voyageur, lorsque s’aventurant sur l’antique mer du Nord, il sera forcé d’arrêter son esquif devant l’image gigantesque du Tzar, dominant les ruines de la grande cité, et franchissant avec peine les restes du temple, il apercevra, seule, debout, au milieu des flots agités, la colonne Alexandrine attestant encore la gloire impérissable des immortels Souverains de la Russie.
Wenn nach vielen Jahren neue Völker einander gefolgt sind: Wie groß wird dann das Staunen des Reisenden sein, der sich auf das alte Meer des Nordens hinauswagt und seinen Kahn vor dem riesigen Bild des Zaren anhalten muss, das über den Ruinen der großen Stadt aufragt. Mühsam steigt er über die Reste des Tempels und erblickt, allein und aufrecht inmitten der aufgewühlten Fluten, die Alexandersäule, die noch immer vom unvergänglichen Ruhm der unsterblichen Herrscher Russlands zeugt.
Auguste de Montferrand, Plans et détails du monument consacré à la mémoire de l’empereur Alexandre, Paris 1836, Seite 40
Warum zeichnet ein Architekt, der gerade sein größtes Werk vollendet hat, die ganze Stadt als Ruine im Meer? Warum spricht er von neuen Völkern, die einander gefolgt sind? Und warum ragen ausgerechnet der Donnerstein und die Säule aus den Fluten, als hätten sie schon einmal einen Untergang überstanden?
Für viele, die sich mit dieser Vignette beschäftigen, zeigt sie mehr als eine romantische Laune. Sie sehen darin die Erinnerung an eine große Flut, die an diesem Ort eine frühere Kultur ausgelöscht hat, lange bevor das Petersburg entstand, das wir heute kennen. Reiter, Stein und Säule stammten dann aus der Zeit davor, und die Tempelruine im Bild wäre ein Rest dieser verlorenen Welt.
Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem großen Neubeginn, manche sagen „Reset“, nach dem die Geschichte neu geschrieben worden sei. Die neuen Völker, die in Montferrands eigenem Text einander gefolgt sind, passen für sie genau in dieses Bild. Die unsterblichen Herrscher, deren Ruhm die Säule bezeugt, wären dann womöglich ganz andere als die, die wir aus dem Schulbuch kennen.
Die Stadt kennt die Kraft des Wassers. Am 19. November 1824 stand die Newa 421 Zentimeter über dem gewöhnlichen Pegel, Hunderte Menschen starben, eine genaue Zahl kennt bis heute niemand. Montferrand lebte und baute damals bereits in der Stadt. Offiziell spricht sein Text von einer fernen Zukunft, doch wer die Vignette ansieht, dem drängt sich ein anderer Gedanke auf.

Eine fertige Säule im Kinderbuch
Das zweite Rätsel führt uns nach Weimar. Friedrich Justin Bertuch gab von 1790 an ein berühmtes Bilderbuch für Kinder heraus, eine Art Weltlexikon in Tafeln. Der zwölfte Band trägt auf dem Titel die Jahreszahl 1830, und darin steht die Alexandersäule vor dem Bogen des Generalstabs, sauber gezeichnet und ohne jedes Gerüst.


Für manche ist diese Tafel ein handfester Hinweis: Die Säule habe schon gestanden, bevor sie offiziell aufgerichtet wurde. Das Bilderbuch trägt die Jahreszahl 1830, zwei Jahre vor jenem Augustnachmittag auf dem Schlossplatz, und es zeigt die Säule fertig und frei von jedem Gerüst vor dem Bogen des Generalstabs. Auffällig ist auch die Spitze: Dort sitzt ein Kreuz statt des Engels, den wir heute sehen. Hat der Zeichner hier etwas festgehalten, das es offiziell noch gar nicht geben durfte?
Der Begleittext spricht von einem Monument, das errichtet „wird“ und einmal 150 Fuß hoch „werden“ soll. Offiziell war es ein Entwurf, und die Bekrönung wurde erst später entschieden. Aber wie kommt eine so genaue Ansicht, bis hin zum Bogen des Generalstabs, in ein Kinderbuch nach Weimar, bevor der erste Stein bewegt ist? Die Tafel steht vor Dir. Urteile selbst.
Das Monument, welches von dem Kaiser Nicolaus dem Gedächtniß des verewigten Kaisers Alexander errichtet wird, besteht aus einer vier und achtzig Fuß hohen, aus einem einzigen Granitblock gehauenen Säule, und wird mit Einschluß des Piedestals und des Gipfelkreuzes im Ganzen einhundert und funfzig Fuß hoch werden.
Bertuchs Bilderbuch für Kinder, Band XII, Nr. 44
Das Auge am Sockel und die Frage nach dem Stück

Wer den Sockel aus der Nähe betrachtet, findet dort mehr als Schmuck. Zwischen Rüstungen und Girlanden sitzen Zeichen, über die seit jeher gerätselt wird. Auch wir haben dazu bislang nur Fragen.
Am Sockel richten sich viele Blicke auf zwei Zeichen: das Auge im Strahlenkranz und den Doppeladler. Für manche sind beides Zeichen der Freimaurer, und wer sie an einem Staatsdenkmal anbringen ließ, habe damit etwas mitteilen wollen, das nur Eingeweihte verstehen.
Eine zweite Beobachtung betrifft den Schaft selbst. Legt man Farbfilter über Fotos der Säule, glauben manche gleichmäßige Abstände zu erkennen, als bestehe sie aus mehreren übereinandergesetzten Stücken. Dann wäre der berühmteste Monolith der Stadt am Ende gar keiner.
Offiziell ist das Auge ein Zeichen Gottes und des Sieges von 1812, der Doppeladler das Wappen des Zarenreichs, und der Schaft ein einziger Stein. Uns reicht diese Erklärung für ein Denkmal, dessen ganze Geschichte so glatt klingt, schon lange nicht mehr. Wer nach Sankt Petersburg reist, sollte selbst davorstehen und genau hinsehen.
Wer reitet da eigentlich?
Bleibt noch eine Frage, die uns bei beiden Denkmälern nicht loslässt. Sie klingt zunächst abwegig, und wir stellen sie trotzdem, weil sie sich beim Betrachten von selbst aufdrängt.
Schau Dir den Reiter auf dem Donnerstein einmal genau an. Er trägt antike Kleidung, einen Lorbeerkranz und ein Kurzschwert, und allein der Kopf erinnert an Peter den Großen. Manche halten es deshalb für möglich, dass hier in Wahrheit ein ganz anderer reitet: Alexander der Große.
Von dort ist es nur ein Schritt zur Säule, die ja ebenfalls Alexanders Namen trägt. Könnte sie ein Zeugnis aus einer viel älteren Zeit sein, ein Denkmal für den großen Feldherrn, dem man später einen neuen Anlass und eine neue Geschichte gegeben hat?



Offiziell wollte der Bildhauer Falconet eine zeitlose, heldenhafte Gestalt schaffen und lehnte das römische Vorbild Mark Aurels sogar in einer eigenen Schrift von 1771 ab, und doch trägt sein Reiter den Lorbeerkranz der Antike.
Die Säule in Delhi steht übrigens tatsächlich auf einer Ruine, und auch sie soll einst über rund 200 Kilometer herbeigeschafft worden sein. Alexander selbst ließ nach dem Bericht des antiken Geschichtsschreibers Arrian am Fluss Hyphasis zwölf gewaltige Altäre errichten. Zufälle? Wir sammeln diese Fäden, und das Bild, das sie ergeben, ist ein anderes als das aus dem Schulbuch.



Alle drei Granitriesen gibt es auch als kurzes Video, in unter einer Minute:
Was wir daraus machen
Ein Architekt lässt jede Station seines Bauwerks zeichnen und drucken, bis hin zu den Namen der Soldatenkompanien, und derselbe Architekt setzt in sein Werk ein Bild, auf dem die Stadt im Meer versinkt und nur seine Säule übrig bleibt. Eine perfekte Dokumentation und ein Bild, das ihr widerspricht: Genau das macht uns misstrauisch.
Wie die Säule wirklich an ihren Platz kam, wissen wir nicht, aber dass ein Stein von 650 Tonnen in knapp zwei Stunden mit Seilen und Holz senkrecht gestellt wurde, sprengt für uns jede Vorstellung. Sieh Dir die Vignette in Ruhe an und entscheide, was Du darin erkennst.
Der dritte Granitriese dieser Stadt wartet schon auf Dich: die Granitwanne von Babolowo.
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Zum Selbernachlesen
- Auguste de Montferrand, Plans et détails du monument consacré à la mémoire de l’empereur Alexandre, Paris 1836, im Internet Archive, die Vignette auf Seite 40
- Bertuchs Bilderbuch für Kinder, Band XII, Tafel und Text Nr. 44, Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar
- Die Flut vom November 1824, Direktion der Schutzbauten Sankt Petersburg, Bericht zum Pegelstand, dazu Arcadia, 2014
- Die Alexandersäule im Enzyklopädischen Wörterbuch von Brockhaus und Efron, mit der Beschreibung der Reliefs, bei Wikisource
- Étienne Maurice Falconet, Observations sur la statue de Marc-Aurèle, Amsterdam 1771, bei Gallica
- Arrian, Anabasis, Buch 5, Kapitel 29: die Altäre Alexanders am Hyphasis
- Boeing 747-8I, höchstes Startgewicht 447.696 kg: Wikipedia, technische Daten
Ein herzliches Dankeschön
Zu diesem Beitrag hat uns ein Video des Kanals Mind Unveiled inspiriert, erschienen auf Deutsch bei Mind Unveiled Deutsch. Dem Kanalbetreiber und seinem Übersetzer möchten wir an dieser Stelle ganz ausdrücklich für ihre Arbeit danken. Mit fremden Federn wollen wir uns auf keinen Fall schmücken.
Die Themen selbst begleiten uns schon länger. Wer zu rätselhaften Bauwerken recherchiert, stolpert unweigerlich über den Donnerstein, die Alexandersäule und die Wanne von Babolowo. Das Video empfehlen wir Dir trotzdem wärmstens.
Zum Video: „Der größte jemals bewegte Stein & die kolossale Badewanne“
Nochmals vielen Dank!
Beste Grüße
#erdkundetotal
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