Frauenkirche Dresden: Mit Turmdrehkran kaum schneller als 1726?
Siebzehn Jahre für die Frauenkirche ab 1726, elf Jahre für den Wiederaufbau mit Kränen und Computern. Wie ging das damals? Wir fragen nach.

Am 30. Oktober 2005 wurde in Dresden die wiederaufgebaute Frauenkirche geweiht. Rund um die helle Kuppel ragten an diesem Tag Baukräne in den Himmel, denn ringsum war der Neumarkt noch eine einzige Baustelle.
An diesem Tag wurde viel erzählt: von Spenden, von Steinen, die man einzeln aus dem Trümmerberg geborgen hatte, von moderner Technik und von elf Jahren Bauzeit. Eine Frage hörte man an diesem Tag allerdings kaum: Wie haben die Menschen es im Jahr 1726 gemacht?
Denn damals entstand diese Kirche schon einmal, mit Holz, Seilen und Muskelkraft, so will es die Geschichtsschreibung. Gebraucht hat sie dafür kaum länger als der Wiederaufbau mit Turmdrehkränen, Stahlgerüsten und Computern. Wir haben uns beide Bauzeiten genau angesehen, und diese Rechnung lässt uns keine Ruhe.
Das Wichtigste in Kürze
- Siebzehn Jahre ab 1726.Grundstein am 26. August 1726, das Turmkreuz saß am 27. Mai 1743 auf der Kuppel. Gebaut mit den Mitteln der Barockzeit.
- Elf Jahre ab 1994.Erster Stein des Wiederaufbaus am 27. Mai 1994, Weihe am 30. Oktober 2005. Gebaut mit Kränen, Stahl und Computerplänen.
- Nur gut fünf Jahre Unterschied.Obwohl beim Wiederaufbau die Pläne vorlagen und die Technik unserer Zeit bereitstand.
- Unsere Sicht.Für uns passt das nicht zusammen. Wir stellen die Fragen, entscheide selbst.
Der Wiederaufbau: Kräne, Stahl und Computer
Nach der Zerstörung im Februar 1945 lag die Frauenkirche fast fünfzig Jahre als Trümmerberg mitten in der Stadt. Anfang 1993 begann die Enttrümmerung, und dabei ging man mit größter Sorgfalt vor. Jeder brauchbare Stein wurde vermessen, nummeriert und in Regalen eingelagert, um später wieder an seinen alten Platz zu kommen.




Am 27. Mai 1994 wurde der erste Stein versetzt. Von da an wuchs die Kirche in einem Gerüstkubus aus Stahl, über dem sich zeitweise zwei große Turmdrehkräne drehten. Computerprogramme ermittelten, wo jeder geborgene Stein einst gesessen hatte.
Die Stiftung Frauenkirche hat die Zahlen dieses Wiederaufbaus genau festgehalten, und einige davon lohnen einen zweiten Blick:
| Der Wiederaufbau in Zahlen | laut Stiftung Frauenkirche |
|---|---|
| Gesamtkosten | 182,6 Millionen Euro |
| davon reine Baukosten | 131,1 Millionen Euro |
| Spenden | 102,8 Millionen Euro |
| alte Steine wieder in der Fassade | 7.110 |
| historischer Anteil am Steinmaterial | rund 45 Prozent |
| Stahlkonstruktion | 570 Tonnen |
| Elektroleitungen | 85.000 Meter |
| Gewicht des ganzen Baus | 60.000 Tonnen |
| davon Kuppel und Laterne | 13.000 Tonnen |
| Höhe mit Turmkreuz | 91,23 Meter |
| Zeitplan | ein Jahr früher fertig als geplant |
| Mehrkosten | 2 Prozent, weniger als die Teuerung |
Der Bau war also ein Jahr früher fertig, mit 570 Tonnen Stahl im Bauwerk und dem ganzen Wissen unserer Zeit. Alle Bauwerksdaten findest Du auf der Seite der Stiftung Frauenkirche, bis hin zu den acht Glocken und den 4.876 Pfeifen der Orgel.



Der große Moment kam am 22. Juni 2004, als ein Kran die Turmhaube samt Kuppelkreuz in die Höhe hob und oben auf die Kuppel setzte. Im Oktober 2005 folgte die Weihe, elf Jahre und fünf Monate nach dem ersten Stein.

Der erste Bau: siebzehn Jahre ab 1726
Die erste Frauenkirche an dieser Stelle war eine schlichte gotische Kirche mit spitzem Turm, umgeben von einem Kirchhof. 1722 beschloss der Rat der Stadt einen Neubau und beauftragte seinen Ratszimmermeister George Bähr. Den Grundstein legte man am 26. August 1726, die alte Kirche wurde 1727 abgerissen.


Bährs Entwurf war kühn: eine Kirche mit einer Kuppel ganz aus Sandstein, außen 26,15 Meter im Durchmesser und 24 Meter hoch, die Wand unten 2,30 Meter dick. Die Dresdner nennen sie bis heute die Steinerne Glocke.



Am 28. Februar 1734 wurde die Kirche geweiht, während am Bau noch weitergearbeitet wurde. George Bähr starb 1738, fünf Jahre vor der Vollendung. Am 27. Mai 1743 setzte man schließlich das Turmkreuz auf die Laterne, sechzehn Jahre und neun Monate nach dem Grundstein.
Die Frauenkirche im Steckbrief
- Wo
- Neumarkt, Dresden
- Wann
- Erster Bau: Grundstein 26. August 1726, Turmkreuz 27. Mai 1743 · Wiederaufbau: erster Stein 27. Mai 1994, Weihe 30. Oktober 2005
- Wer
- Neubau beschlossen 1722 vom Rat der Stadt · Entwurf: Ratszimmermeister George Bähr, gestorben 1738, vor der Vollendung · Zahlen zum Wiederaufbau: Stiftung Frauenkirche
- Überliefert
- In den von uns gesichteten Quellen viel über Bähr, die Weihe und die Pläne · kaum etwas darüber, wie die Kuppel nach oben kam
- Einordnung
- Mit Holz, Seil und Muskelkraft in knapp siebzehn Jahren, so will es die Geschichtsschreibung. So, wie man es uns erzählt, können wir es uns kaum vorstellen.
Nehmen wir die Zahlen einmal beim Wort
Wie schwer ist so eine Kuppel eigentlich? Die Stiftung Frauenkirche nennt für Kuppel und Laterne 13.000 Tonnen, für den ganzen Bau 60.000 Tonnen. Rechnen wir das um, ausdrücklich als Überschlag: Ein Auto wiegt rund anderthalb Tonnen, Kuppel und Laterne wiegen demnach so viel wie gut 8.600 Autos. Ganz oben auf der Laterne liegt zudem eine Aussichtsplattform in 67 Metern Höhe.
So schwer wie 8.600 Autos und bis in 67 Meter Höhe, gebaut mit Holz, Seil und Menschenhand?
Die offizielle Erklärung für Bauten dieser Zeit klingt immer ähnlich: Gerüste aus Holz, Rampen, Seile und Flaschenzüge, dazu hölzerne Kräne, in deren großen Treträdern Menschen liefen und so die Last nach oben zogen. Stein für Stein, Jahr für Jahr.
Auffällig finden wir, wie wenig davon überliefert ist. In den Quellen, die wir für diesen Beitrag durchgesehen haben, steht viel über Bähr, über die Weihe und über die Pläne. Wie die Steinerne Glocke nach oben kam, erfahren wir dort kaum. Wo sind die Zeichnungen der Baustelle, die Abrechnungen der Hebezeuge, die Bilder der Gerüste?

Sechs Jahre nach der Vollendung malte Bernardo Bellotto den Neumarkt. Wir sehen Kutschen, Händler und Menschen in ihrer Alltagskleidung, mittendrin einen Bau, der mit allem ringsum wenig gemein hat. Auch auf den Guckkastenblättern jener Jahre steht die Kirche so da, als hätte sie immer schon dort gestanden.
Siebzehn Jahre lang soll mitten in Dresden eine Baustelle gelegen haben, wie sie die Stadt bis dahin kaum kannte: Gerüste, Rampen und Treträder, dazu eine Kuppel aus Stein, die Jahr für Jahr in den Himmel wuchs. Die Maler aber greifen erst zum Pinsel, als alles fertig ist? Warum ist uns bis heute kein einziges Gemälde begegnet, das diesen außergewöhnlichen Bau im Entstehen zeigt? Zeit genug hätte ein Maler doch gehabt.


Hundertdreißig Jahre später: Handkarren vor der Kuppel
Jetzt springen wir gut ein Jahrhundert weiter. In den 1850er Jahren entstehen die ersten Fotografien der Frauenkirche, aufgenommen unter anderem von Hermann Krone und Felix Alexander Oppenheim. Diese Bilder sind rund 130 Jahre nach der Grundsteinlegung entstanden, und sie zeigen uns zum ersten Mal ungeschönt, wie es vor der Kirche aussah.


Schau Dir einmal genau an, was vor der Kirche liegt. Auf dem Neumarkt stehen Planwagen und Handkarren, Körbe und Säcke liegen auf dem festgetretenen Boden, dazwischen ein paar Marktstände und ein einzelnes Pferdefuhrwerk. Menschen sieht man kaum, denn die Belichtung dauerte damals so lange, dass alles, was sich bewegte, aus dem Bild verschwand. Was bleibt, ist das Werkzeug des Alltags: Holz, Rad, Korb und Plane.

Eine Stadt, deren Markt 130 Jahre nach dem Grundstein so aussieht, soll mit den Mitteln einer noch einfacheren Zeit eine Kuppel von 13.000 Tonnen errichtet haben? Wenn um 1860 die Waren noch auf Handkarren über den Platz rollten, womit haben dann die Vorfahren dieser Händler im Jahr 1726 gearbeitet?



Unter Wahrheitssuchern hört man zu Bauten wie der Frauenkirche vor allem zwei Überlegungen. Die erste: Die Baukunst jener Zeit war weiter, als man ihr heute zugesteht, und manches Wissen über das Heben schwerer Lasten ging danach verloren. Die zweite geht weiter und fragt, ob solche Bauwerke älter sind als ihre Bauakten und ob die Geschichte ihrer Entstehung erst im Nachhinein so erzählt wurde, wie wir sie heute kennen.
Beides können wir weder belegen noch widerlegen. Doch beides erklärt uns besser als die Schulbuchfassung, warum eine Kirche mit Tretrad und Seil kaum langsamer entstanden sein soll als mit Turmdrehkran und Computer.
Ein Blick hinein
Wer die Kirche vor 1945 betrat, stand in einem hohen, hellen Raum mit umlaufenden Emporen. Über dem Altar erhob sich die Orgel von Gottfried Silbermann. Dieser ganze Innenraum musste unter der steinernen Kuppel Platz finden, getragen von acht schlanken Pfeilern.


Die ganze Geschichte gibt es auch als kurzes Video, in unter einer Minute:
Was wir daraus machen
Stellen wir die beiden Bauzeiten noch einmal nebeneinander:
| Erster Bau | Wiederaufbau | |
|---|---|---|
| Grundstein | 26. August 1726 | 27. Mai 1994 |
| Weihe, nutzbar | 28. Februar 1734 | Unterkirche 21. August 1996 |
| Kreuz auf der Kuppel | 27. Mai 1743 | 22. Juni 2004 |
| Fertig | 1743 | Weihe 30. Oktober 2005 |
| Bauzeit | 16 Jahre, 9 Monate | 11 Jahre, 5 Monate |
| Mittel | Holz, Seil, Menschenhand | Kräne, 570 Tonnen Stahl, Computer, fertige Pläne, 7.110 alte Steine |
Dazwischen liegen 251 Jahre technischer Fortschritt, und herausgekommen sind gut fünf Jahre Vorsprung. Noch ein Zufall, über den wir dabei gestolpert sind: Das Turmkreuz kam am 27. Mai 1743 auf die Kuppel. Der erste Stein des Wiederaufbaus wurde am 27. Mai 1994 versetzt, auf den Tag genau 251 Jahre später.

Wie es 1726 wirklich war, wissen wir nicht. So, wie man es uns erzählt, erscheint es uns jedenfalls kaum vorstellbar. Diese Zweifel teilen wir mit vielen Wahrheitssuchern, und wir laden Dich ein, Dir selbst ein Bild zu machen. Wenn Du das nächste Mal auf dem Neumarkt stehst, schau nach oben und frag Dich: Wie kam dieser Stein dort hinauf?
Die Frauenkirche ist übrigens nicht das einzige Dresdner Bauwerk mit einer erstaunlich kurzen Bauzeit. Lies weiter beim Central-Theater, das in nur zwölf Monaten gestanden haben soll, und beim Neuen Rathaus, das samt hundert Meter hohem Turm in fünf Jahren entstanden sein soll. Ein weiteres stilles Rätsel aus Stein erwartet Dich in Merseburg.
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#erdkundetotal
Zum Selbernachlesen
- Stiftung Frauenkirche Dresden, Geschichte der Frauenkirche: Ratsbeschluss 1722, George Bähr, erster Stein des Wiederaufbaus am 27. Mai 1994, frauenkirche-dresden.de
- Stiftung Frauenkirche Dresden, Bauwerksdaten: Maße, Gewicht von Bau und Kuppel, Steine, Stahl, Kosten und Spenden des Wiederaufbaus, frauenkirche-dresden.de/bauwerksdaten
- Frauenkirche (Dresden): Bauzeiten, Wandstärke der Kuppel, Computerprogramme beim Wiederaufbau, Wikipedia, abgerufen am 29. September 2026
- Die Pläne und Schnitte stammen aus Die Bauten von Dresden, Dresden 1878, bei Wikimedia Commons
- Alle Bilder mit Urheber und Lizenz: jeweils unter dem Bild verlinkt, gesammelt in der Kategorie Frauenkirche bei Wikimedia Commons
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