Donnerstein und Eherner Reiter: Wie bewegt man 1.500 Tonnen?
Der Donnerstein unter dem Ehernen Reiter soll 1770 mit rund 1.500 Tonnen von Menschenhand bewegt worden sein. Wir glauben diese Geschichte nicht.

Stell Dir einen Felsen vor, so groß wie ein Mehrfamilienhaus. Er liegt halb versunken in einem Sumpf, rund zwanzig Kilometer vor den Toren von Sankt Petersburg. Und nun stell Dir vor, jemand erzählt Dir, man habe diesen Felsen im 18. Jahrhundert mit Muskelkraft aus dem Moor gezogen, über Land geschoben, auf ein Schiff geladen und mitten in der Stadt abgesetzt.
Genau das ist die offizielle Geschichte des Donnersteins. Auf ihm steht heute eines der berühmtesten Denkmäler der Welt: der Eherne Reiter, Peter der Große hoch zu Ross. Der Stein darunter gilt als der größte, den Menschen jemals bewegt haben.
Wir haben uns diese Geschichte sehr genau angesehen, und wir sagen es gleich zu Beginn ganz offen: Wir glauben sie nicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Felsen von bis zu 2.000 Tonnen.So schwer soll der Donnerstein im Moor gewesen sein, beim Transport immer noch rund 1.500 Tonnen.
- Bewegt mit Muskelkraft.400 Arbeiter, zwei Winden und ein paar Dutzend Messingkugeln sollen gereicht haben. Uns erscheint das unvorstellbar.
- Ein Denkmal voller Ungereimtheiten.Ein Sockel, der heute aus mehreren Blöcken besteht, ein altes Wort in der Inschrift und Bilder, die mehr Fragen stellen, als sie beantworten.
- Unsere Sicht.Wir halten es für ausgeschlossen, dass es so gewesen ist, wie man es uns erzählt. Entscheide selbst.
Ein Felsen im Moor von Lachta
Die Geschichte beginnt mit Katharina der Zweiten. Sie wollte ihrem großen Vorgänger Peter ein Denkmal setzen, wie es Europa noch nie gesehen hatte. Den Auftrag bekam der französische Bildhauer Étienne Maurice Falconet. Sein Entwurf verlangte einen Sockel in Gestalt einer Welle aus Fels, auf der sich das Pferd aufbäumt.


Einen solchen Felsen, so heißt es, habe ein Bauer namens Semjon Wischnjakow im sumpfigen Wald bei Lachta entdeckt. Die Leute der Gegend erzählten, ein Blitz habe eine Ecke des Blocks abgespalten. Daher der Name: Grom-Kamen, der Donnerstein.
Ein Blitz, der einen Felsen von zweitausend Tonnen spaltet? Schon hier beginnt eine Geschichte, die bei genauerem Hinsehen immer merkwürdiger wird.
Der Donnerstein im Steckbrief
- Wo
- Gefunden im Moor bei Lachta, rund zwanzig Kilometer vor Sankt Petersburg · heute Sockel des Ehernen Reiters
- Wann
- Ankunft in der Stadt am 22. September 1770 · Enthüllung des Denkmals im August 1782
- Wer
- Auftrag: Katharina die Zweite · Bildhauer: Étienne Maurice Falconet · Transport: Marin Carburi, genannt Laskaris
- Überliefert
- Durch Carburis eigenes Buch, Paris 1777, mit technischen Tafeln
- Einordnung
- So erzählt es die offizielle Darstellung. Wir glauben die Geschichte vom Transport nicht.
So will es die offizielle Darstellung
Den Transport leitete angeblich ein Offizier von der griechischen Insel Kefalonia, Marin Carburi, der in Russland unter dem Namen Laskaris auftrat. Sieben Jahre später veröffentlichte er in Paris ein ganzes Buch über seine Leistung, mit technischen Tafeln. Seine Zahlen, umgerechnet in heutige Maße:
| Was | Angabe bei Carburi | heute gesagt |
|---|---|---|
| Größe des Blocks | 42 × 27 × 21 Fuß | etwa 13,6 × 8,8 × 6,8 Meter |
| Gewicht im Moor | rund vier Millionen Pfund | etwa 2.000 Tonnen |
| Gewicht beim Transport | rund drei Millionen Pfund | etwa 1.500 Tonnen |
| Rollen | 30 bis 32 Kugeln aus Messing mit Zinn | je 13,5 Zentimeter |
| Antrieb | zwei Winden mit je 32 Mann | an Steigungen vier bis sechs Winden |
| Mannschaft | etwa 400 Arbeiter | dazu 40 Steinmetze auf dem Stein |
| Tagesleistung | 80 bis 200 Klafter | etwa 150 bis 390 Meter |
| Wasserweg | Kahn von 180 × 66 Fuß | etwa 58 × 21 Meter |
| Ankunft in der Stadt | 22. September 1770 | am Krönungstag der Kaiserin |
Der Stein soll auf einem hölzernen Schlitten gelegen haben, und dieser Schlitten auf Messingkugeln, die in Rinnen aus Holz liefen. Hinten nahm man die frei gewordenen Balken ab und legte sie vorn wieder an. Oben auf dem fahrenden Felsen klopften vierzig Steinmetze, und zwei Trommler gaben den Männern an den Winden den Takt.




Nehmen wir die Zahlen einmal beim Wort
Wir machen jetzt etwas, das in den Geschichtsbüchern selten geschieht: Wir rechnen mit den offiziellen Zahlen. Das ist ausdrücklich ein Überschlag, ein Gedankenspiel mit den Angaben des Ingenieurs selbst.
1.500 Tonnen, verteilt auf rund 30 Kugeln, ergeben etwa 50 Tonnen je Kugel. Mehr, als ein vollbeladener Sattelzug auf unseren Straßen wiegen darf, getragen von einer Messingkugel, kaum größer als eine Grapefruit. Und das nicht im Stillstand, sondern rollend, Tag für Tag, über Holzrinnen im gefrorenen Moor.
Was macht eine Kugel aus Messing unter so einer Last? Was macht das Holz darunter? Und was passiert, wenn an einem Wintermorgen der Boden unter einer Seite nachgibt und sich ein Felsen dieser Größe auch nur um wenige Zentimeter neigt?
Vierhundert Menschen, zwei Winden und ein Berg aus Granit. Wie soll das gegangen sein?


Auch der Wasserweg lässt uns ratlos zurück. Ein Kahn von 58 Metern Länge, rechts und links an zwei Schiffe gebunden, soll den Felsen über den Finnischen Meerbusen bis in die Newa getragen haben. Allein das Verladen eines solchen Gewichts auf ein schwimmendes Fahrzeug stellen wir uns als Kunststück vor, das selbst heute Kräne mit gewaltiger Tragkraft verlangen würde.

Oder stand er schon immer dort?
Wer sich länger mit dem Donnerstein beschäftigt, stößt auf Überlegungen, die weit über den Zweifel am Transport hinausgehen. Wir wollen sie Dir nicht vorenthalten.
Die kühnste davon lautet: Der Stein lag schon immer an seinem heutigen Platz. Felsen und Reiter hätten dort gestanden, lange bevor Katharina ihren Auftrag gab, und die Geschichte vom großen Transport sei erst im Nachhinein erzählt worden, samt Tafeln, Stichen und Zahlen. Wer so denkt, liest Carburis Buch weniger als Bericht und eher als Teil dieser Erzählung.
Eine zweite Überlegung setzt bei der Technik an. Die Messingkugeln unter dem Schlitten bildeten ein Kugellager, und das rund ein Vierteljahrhundert, bevor sich jemand ein solches Lager als Erfindung eintragen ließ. Woher kam dieses Wissen, und warum hört man danach so lange nichts mehr davon? Für manche ist das ein Hinweis, dass hier älteres Können im Spiel war, als man uns zugesteht.
Dazu kommt die politische Seite. Katharina bestand darauf, den Felsen im Ganzen zu bewegen, statt ihn in handliche Stücke zu teilen. Ein Beweis russischer Größe also, gemacht für die Augen Europas. Wo so viel Stolz im Spiel ist, fragen sich viele, wie viel an der Geschichte Tatsache ist und wie viel Inszenierung.
Was uns in dieser Richtung nachdenklich macht: Ein englischer Reisender, John Carr, stand 1804 vor dem Denkmal und bedauerte, dass man den Felsen so stark verkleinert und poliert habe. Zudem kam eine geologische Untersuchung aus Sankt Petersburg 2021 zu dem Ergebnis, dass der heutige Sockel aus vier zusammengefügten Blöcken besteht. Wo ist dann der größte Stein, den Menschen je bewegt haben? Was sehen wir heute eigentlich, wenn wir vor dem Ehernen Reiter stehen?




Die Inschrift und das alte Wort für Jahr
Auf der einen Seite des Sockels steht auf Latein Petro primo Catharina secunda MDCCLXXXII. Auf der anderen Seite dasselbe auf Russisch: Петру перьвому Екатерина вторая лѣта 1782. Peter dem Ersten, Katharina die Zweite, im Jahre 1782.

Gerade dieses dritte Wort beschäftigt viele. Peter der Große stellte Russland um 1700 auf die Zählung nach Christi Geburt um. Vorher zählte man die Jahre ab der Erschaffung der Welt, und dafür stand das Wort лѣто. Nach der Reform, so die Überlegung, hätte man год schreiben müssen. Ein Denkmal von 1782 mit dem alten Wort wäre dann verdächtig, und die Jahreszahl womöglich nachträglich angepasst worden.
Ein zweites Denkmal gibt diesem Gedanken Nahrung. In Moskau steht das Monument für Minin und Poscharski, und auch dort lesen wir „Лѣта 1818“. Wer die These vertritt, sieht darin eine zweite Veränderung. Andere halten лѣта schlicht für eine feierliche Schreibweise, die sich lange gehalten hat. Ein Blick auf alte Aufnahmen zeigt jedenfalls, wie unterschiedlich die Buchstaben über die Jahrzehnte aussehen.



Warum eigentlich Donnerstein?
Bleibt der Name, und der führt uns zu einer Vorstellung, die heute fast vergessen ist. Früher erzählte man sich, Donnersteine fielen bei schweren Gewittern vom Himmel und seien etwas Besonderes, beinahe Heiliges.
Der Engländer John Swan beschrieb 1643 in seinem Weltbuch Speculum Mundi ganz ernsthaft, wie ein solcher Stein entstehe: Eine heiße Ausdünstung reiße erdige Teilchen mit in die Wolke, diese klebten zusammen, würden in der Hitze des Blitzes gebrannt wie ein Ziegel und stürzten mit ihm herab. Am Rand der Seite steht: The making of the thunder-stone. Am 7. November 1492 fiel bei Ensisheim im Elsass tatsächlich ein Stein vom Himmel. Der Dichter Sebastian Brant nannte ihn auf seinem Flugblatt einen Donnerstein.



Ein Felsen, benannt nach dem Blitz, der ihn gespalten haben soll, in einer Zeit, in der man glaubte, Steine könnten mit dem Donner vom Himmel kommen. Uns lässt das nachdenken: Was wussten die Menschen damals über diesen Stein, das wir heute vergessen haben?
Alle drei Granitriesen gibt es auch als kurzes Video, in unter einer Minute:
Was wir daraus machen
Die offizielle Geschichte des Donnersteins ist gut erzählt, mit Zahlen, Tafeln und Stichen, und doch bleibt sie für uns eine Erzählung. Ein Felsen von bis zu 2.000 Tonnen, gezogen von Menschenhand auf Kugeln so groß wie eine Grapefruit, verladen auf einen Holzkahn: Aus unserer Sicht ist das schlicht unmöglich.
Wie es wirklich war, wissen wir nicht. Aber so, wie man es uns erzählt, erscheint es uns ausgeschlossen. Diese Überzeugung teilen wir mit vielen Wahrheitssuchern, und wir laden Dich ein, Dir selbst ein Bild zu machen.
Der Donnerstein ist übrigens nicht der einzige Granitriese in Sankt Petersburg, an dem wir zweifeln. Lies weiter bei der Alexandersäule und der Granitwanne von Babolowo. Ein weiteres stilles Rätsel aus Stein erwartet Dich in Merseburg.
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Zum Selbernachlesen
- Marin Carburi, Monument élevé à la gloire de Pierre-le-Grand, Paris 1777, im Internet Archive
- John Carr, A Northern Summer, London 1805, Seite 220 f., im Internet Archive
- Bulakh u. a., Studie zum Gestein des Donnersteins, Zapiski Gornogo Instituta 248 (2021), S. 180 bis 189, Zeitschrift der Bergbau-Universität Sankt Petersburg
- Erlass Peters des Großen vom 19. Dezember 1699 über die neue Jahreszählung, Elektronische Bibliothek historischer Dokumente
- Philip Vaughan, Patent auf ein Kugellager 1794, Grace’s Guide
- John Swan, Speculum Mundi, Cambridge 1643, Seite 119, im Internet Archive
- Der Meteorit von Ensisheim, 7. November 1492, Naturhistorisches Museum Wien
- Höchstgewicht von Fahrzeugkombinationen mit mehr als vier Achsen, 40 Tonnen: § 34 StVZO
Ein herzliches Dankeschön
Zu diesem Beitrag hat uns ein Video des Kanals Mind Unveiled inspiriert, erschienen auf Deutsch bei Mind Unveiled Deutsch. Dem Kanalbetreiber und seinem Übersetzer möchten wir an dieser Stelle ganz ausdrücklich für ihre Arbeit danken. Mit fremden Federn wollen wir uns auf keinen Fall schmücken.
Die Themen selbst begleiten uns schon länger. Wer zu rätselhaften Bauwerken recherchiert, stolpert unweigerlich über den Donnerstein, die Alexandersäule und die Wanne von Babolowo. Das Video empfehlen wir Dir trotzdem wärmstens.
Zum Video: „Der größte jemals bewegte Stein & die kolossale Badewanne“
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