Die Granitwanne von Babolowo: Wie schleift man so etwas?
Die Zarenwanne von Babolowo: über 160 Tonnen Granit, ausgehöhlt und poliert von einem einzigen Meister? Wir glauben die offizielle Geschichte nicht.

Im Park von Zarskoje Selo, gut 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg, steht eine Ruine aus roten Ziegeln. Die Fenster sind leer, der Putz ist abgefallen, das Gras wächst bis an die Mauern. Wer durch eine der leeren Türöffnungen tritt, bleibt wie angewurzelt stehen, denn mitten im Raum ruht eine Schale aus poliertem Granit, so weit, dass mehrere Erwachsene darin nebeneinander Platz fänden.
Man nennt sie die Zarenwanne. Gefertigt worden sein soll sie für Kaiser Alexander den Ersten, aus einem einzigen Stein, von einem einzigen Meister, und bis heute steht sie dort, als hätte jemand vergessen, sie abzuholen.
Nach dem Donnerstein und der Alexandersäule ist sie der dritte Granitriese, dessen offizielle Geschichte wir nicht glauben, und von allen dreien ist sie für uns der rätselhafteste.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Block von über 160 Tonnen.Daraus soll eine Wanne von gut fünf Metern Durchmesser geschliffen worden sein, mit einer Politur, die bis heute glänzt.
- Ein Meister mit Namen, sonst wenig.Die Arbeit wird dem Steinmetz Samson Suchanow zugeschrieben. Einen Bericht wie beim Donnerstein gibt es dazu kaum.
- Zahlen, die sich widersprechen.Gewicht, Maße und Bauzeit gehen je nach Quelle weit auseinander.
- Unsere Sicht.Wie diese Wanne mit den Mitteln von 1818 entstanden sein soll, ist für uns nicht nachvollziehbar.
So will es die offizielle Darstellung
Das Babolowo-Palais entstand 1785 als kleines Landhaus im Park. Von 1823 bis 1829 baute der Architekt Wassili Stassow es um, und das sogenannte Kalte Bad wurde zum Mittelpunkt des Hauses. In diesem Saal steht die Wanne.



Den Auftrag soll der Ingenieur Agustín de Betancourt vergeben haben, ein Spanier in russischen Diensten. Ausgeführt hat die Arbeit angeblich der russische Steinmetz Samson Suchanow, dem auch Figuren an den Rostrasäulen der Strelka und Säulen für die Kasaner Kathedrale zugeschrieben werden.
Die Zarenwanne im Steckbrief
- Wo
- Im Kalten Bad des Babolowo-Palais, Park von Zarskoje Selo, gut 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg
- Wann
- Fertig im Sommer 1818 laut Pawel Swinjin · andere nennen 1811 bis 1817 oder 1818 bis 1828
- Wer
- Angeblich für Kaiser Alexander den Ersten · Auftrag angeblich durch Agustín de Betancourt · Ausführung angeblich durch Samson Suchanow
- Überliefert
- Kaum Berichte, vor allem ein Zeitschriftenbeitrag von 1818 · Gewicht, Maße und Bauzeit schwanken je nach Quelle
- Einordnung
- So erzählt es die offizielle Darstellung. Wir glauben sie nicht.


Uns haben schon die Zahlen stutzig gemacht, denn sie schwanken je nach Quelle erheblich:
| Was | häufig genannt | andere Angaben |
|---|---|---|
| Rohblock | über 160 Tonnen | Herkunft „von einer finnischen Insel“, ohne genaueren Beleg |
| fertige Wanne | 48 Tonnen | ein Bericht von 1818 nennt 3.000 Pud, etwa 49 Tonnen |
| Durchmesser | 5,33 Meter | auch 5,24 Meter |
| Höhe | 1,96 Meter | auch 1,92 und 1,87 Meter |
| Tiefe | 1,52 Meter | |
| Wandstärke | 45 Zentimeter | auch 28 Zentimeter |
| Fassungsvermögen | „8.000 Eimer“ | der Bericht von 1818 spricht von 800 Eimern |
| Bauzeit | 1818 bis 1828 | auch 1811 bis 1817, und 1818 schon „diesen Sommer“ vollendet |
Ein Kunstwerk dieser Größe, angeblich eines der Wunder seiner Zeit, und niemand scheint genau zu wissen, wie schwer es ist, wie hoch es ist oder wann es entstand. Der Publizist Pawel Swinjin schrieb 1818 in einer Petersburger Zeitschrift, die Wanne sei in diesem Sommer fertig geworden. Andere lassen die Arbeit erst 1818 beginnen und zehn Jahre dauern. Wie kann das sein?



Wie kommt ein Block von 160 Tonnen in einen Park?
Der Stein soll von einer Insel in Finnland stammen. Er musste also gebrochen, auf ein Schiff geladen, über das Wasser gebracht, wieder entladen und dann über Land bis nach Zarskoje Selo geschafft werden. Mehr als 160 Tonnen, das ist so viel wie über 25 ausgewachsene Elefanten, auf Wegen durch Wald und Wiese.
Beim Donnerstein gibt es wenigstens den ausführlichen Bericht des Ingenieurs Carburi. Für die Wanne kennen wir kaum etwas Vergleichbares: Tafelwerk, Stiche vom Transport, eine Liste der Arbeiter, all das fehlt. Für ein Werk dieser Größenordnung finden wir diese Stille bemerkenswert.
Eine Erklärung, die man hin und wieder hört: Für die Wanne habe man denselben Hebeturm benutzt wie für die Alexandersäule und den Vatikanischen Obelisken in Rom. Doch den Obelisken richtete Domenico Fontana schon 1586 auf, das Gerüst der Säule entstand erst 1832, und die Wanne liegt zeitlich genau dazwischen. Und selbst mit dem besten Hebeturm bleibt die Frage, wie ein solcher Block danach über Land an seinen heutigen Platz kam. Womit also wurde sie bewegt?
Eine Politur ohne Maschine?

Wer vor dieser Wanne steht, versteht sofort, was uns so beschäftigt. Die Oberfläche glänzt nach zweihundert Jahren in einer Ruine noch immer. Die Rundung sieht aus wie gedreht, die Wand wirkt überall gleich stark, und der Rand ist sauber abgesetzt.
Wie viele Hände, wie viel Sand und wie viel Geduld stecken in so einer Politur? Wie hält man eine Rundung von über fünf Metern Durchmesser genau, allein mit Handwerkzeug? Und wie höhlt man einen Block von 160 Tonnen so aus, dass am Ende eine Schale mit dünner Wand übrig bleibt, die auch den letzten Schlag heil übersteht?
Zehn Jahre soll Suchanow an der Wanne gearbeitet haben, mit Meißel, Sand und Wasser. Wir können uns eine so vollkommene Form auf diesem Weg kaum vorstellen, und unter denen, die sich damit beschäftigen, sind wir damit längst nicht allein.
Zum Vergleich: Heute bearbeiten Steinmetzbetriebe Granit mit wassergekühlten Schleifmaschinen und Werkzeug aus Diamant. Selbst damit wäre eine Schale dieser Größe vermutlich ein Vorhaben für viele Monate, mit Kran, Stapler und einer ganzen Werkstatt voller Leute.
Dass ein einzelner Meister in zehn Jahren über hundert Tonnen Granit abgetragen haben soll, glauben wir nicht.
Gegossen, gefunden oder geschliffen?
Wenn die offizielle Geschichte so viele Fragen offenlässt, lohnt es sich, andere Überlegungen zu hören.
Die eine Sichtweise hält die Wanne für ein Stück aus einer viel älteren Zeit. Man habe sie vorgefunden, vielleicht in einer Ruine oder im Boden, und erst später in das Palais eingebaut. Die Geschichte vom Meister Suchanow wäre dann nachträglich dazuerzählt worden, um einem rätselhaften Fund einen Namen und ein Datum zu geben.
Die andere geht noch einen Schritt weiter und fragt, ob die Wanne überhaupt aus dem Stein gehauen wurde, oder ob man sie gegossen hat, mit einer Technik, Stein zu formen, die später in Vergessenheit geriet oder bewusst verborgen wurde. Die gleichmäßige Rundung und die glatte, fast gläserne Oberfläche nähren diesen Gedanken.
Wir können keine dieser Thesen beweisen, aber wir verstehen, warum sie entstehen. Granit, der glänzt wie Glas, eine Rundung wie gedreht und eine Überlieferung, die kaum mehr als einen Namen und ein paar widersprüchliche Zahlen hergibt: Da darf man genauer hinsehen.
In Zarskoje Selo erzählt man sich außerdem, die deutschen Besatzer hätten im Zweiten Weltkrieg versucht, die Wanne nach Deutschland zu bringen, und seien trotz aller Technik gescheitert. Wenn das stimmt, stellt sich die Frage umso schärfer: Wie soll man sie gut hundert Jahre zuvor mit Seilen und Holz an ihren Platz gebracht haben?
Einen Beleg für diese Geschichte haben wir bisher nicht gefunden. Sicher ist nur, dass das Palais im Krieg zerstört wurde und die Wanne unter ihrem Gewölbe überstanden hat. Auch das Wasser gibt Rätsel auf: Der Bericht von 1818 spricht von 800 Eimern. Ein russischer Eimer fasste gut zwölf Liter, das wären knapp 10.000 Liter, Eimer für Eimer herbeigetragen. Wofür baut man eine solche Wanne, und wer hat sie jemals gefüllt?
Eine riesige Schale in Trümmern
Bei unserer Recherche sind wir auf ein zweites Bild gestoßen, das uns nicht loslässt: ein alter Fotoabzug, ein Mann in langem Mantel neben einer gewaltigen, verzierten Schale, die schräg in einem Trümmerfeld liegt. Man glaubt fast, eine zweite Zarenwanne zu sehen.


Die Aufnahme stammt von dem schottischen Fotografen John Thomson, der 1871 in Nanking die Reste des berühmten Porzellanturms fotografierte. Auch dort lag nach der Zerstörung ein Riesengefäß in den Trümmern, von dem heute kaum jemand spricht. Der Maler Thomas Cole wiederum malte 1833 einen gewaltigen Steinkelch, auf dessen Rand ganze Wälder wachsen. Warum beschäftigten riesige Schalen die Menschen jener Zeit so sehr?
Drei Riesen aus Granit in einer Stadt
Legt man die drei Stationen nebeneinander, entsteht eine erstaunliche Zeitleiste. 1770 wandert der Donnerstein auf Messingkugeln durch den Winter. Um 1818 soll in Babolowo die Wanne fertig geworden sein. 1832 steht auf dem Schlossplatz die Säule aus einem Stück. Drei gewaltige Werke aus Granit, alle in derselben Gegend, alle innerhalb von gut sechzig Jahren, alle angeblich mit Muskelkraft, Holz und Seilen.
Die offizielle Darstellung nennt das eine Blütezeit russischer Steinkunst, wir dagegen sehen darin ein Muster, das Fragen aufwirft. Was, wenn diese Riesen älter sind als ihre Geschichten?
Alle drei Granitriesen gibt es auch als kurzes Video, in unter einer Minute:
Was wir daraus machen
Wer diese Wanne geschaffen hat und wann, wissen wir nicht. Die Geschichte, die man uns dazu erzählt, überzeugt uns an kaum einer Stelle. Ein Block von über 160 Tonnen, bewegt mit Muskelkraft, ausgehöhlt und poliert von einem einzelnen Meister, mit Zahlen, die sich gegenseitig widersprechen: Aus unserer Sicht ist das unmöglich.
Stell Dir vor, Du stehst in dieser Ruine, legst die Hand auf den kühlen Granit und fragst Dich, wer ihn einmal zum Glänzen gebracht hat. Was glaubst Du?
Falls Dich Rätsel aus Stein nicht mehr loslassen: Ein weiteres, ganz in unserer Nähe, erwartet Dich in Merseburg.
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Zum Selbernachlesen
- Pawel Swinjin, Bericht über die Granitwanne, in: Otetschestwennyje Sapiski, 1818, Teil I
- W. Jakowlew, Der Steinmetz Samson Suchanow, Tagungsbeitrag 2009, auf Russisch
- Die häufig genannten Maße und Daten der Wanne und des Palais: Zarenwanne und Babolowo-Palais in der russischen Wikipedia, mit weiterführender Literatur
- Abweichende Maße aus einer Bestandsaufnahme: Soglas-Proekt, auf Russisch
- Auguste de Montferrand über Fontanas Hebetechnik, Plans et détails du monument consacré à la mémoire de l’empereur Alexandre, Paris 1836, im Internet Archive
- John Thomson, Aufnahmen aus Nanking 1871, Wellcome Collection
Ein herzliches Dankeschön
Zu diesem Beitrag hat uns ein Video des Kanals Mind Unveiled inspiriert, erschienen auf Deutsch bei Mind Unveiled Deutsch. Dem Kanalbetreiber und seinem Übersetzer möchten wir an dieser Stelle ganz ausdrücklich für ihre Arbeit danken. Mit fremden Federn wollen wir uns auf keinen Fall schmücken.
Die Themen selbst begleiten uns schon länger. Wer zu rätselhaften Bauwerken recherchiert, stolpert unweigerlich über den Donnerstein, die Alexandersäule und die Wanne von Babolowo. Das Video empfehlen wir Dir trotzdem wärmstens.
Zum Video: „Der größte jemals bewegte Stein & die kolossale Badewanne“
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